Berichte aus den Selbsthilfegruppen

 

Selbsthilfegruppe für erwachsene Kinder suchtkranker Eltern (EKSE)

C. Koch hielt folgenden Vortrag auf dem Psychiatrie-Pflegetag im April 2009 in München im Rahmen eines Workshops:

In jüngster Zeit haben in den Medien die Berichte über vernachlässigte Kinder, überforderte Eltern und amoklaufende Jugendliche zugenommen und das öffentliche Interesse vermehrt auf dieses Thema gelenkt.


Doch verarmte und vernachlässigte Kinder sind nicht erst als eine der vielen katastrophalen Folgen der Hartz IV-Gesetze zu verstehen, sondern sind ein Problem, mit dem wir uns schon seit vielen Jahren beschäftigen.
Anfang der Achtziger Jahre wurde das Thema „EKSE" erstmals aufgegriffen. Es ging in USA in die Selbsthilfegruppensysteme ein. Amerikanische Autoren publizierten erstmals in Erfahrungsberichten zu dem Thema. In Deutschland ist das bis heute ein Randthema.

Alarmierende Zahlen sprechen gegen diese Ignoranz:

2,65 Millionen Kinder (bis 18 Jahre) sind im Laufe ihres Lebens zeitweise oder dauerhaft von

elterlicher Alkoholabhängigkeit betroffen (Quelle: Klein 2008)

Das sind 10 – 15 % der Kinder & Jugendlichen (Quelle: Voigt 2004)

Ca. 40.000 Kinder haben drogenabhängige Eltern (0,1 – 0,5 %)

Jedes 250. Neugeborene hat eine Alkoholembryopathie (2.200 Kinder pro Jahr sind betroffen)

5-6 Millionen „EKSE" leiden später unter diversen psychischen Beeinträchtigungen und Störungen.

Wenn wir die Entwicklung eines Kindes, mit dem Wachsen einer Pflanze vergleichen, so entstehen zwei unterschiedliche Entwicklungsprozesse.


Zum einen haben wir eine Pflanze, die an einer optimalen Stelle steht. Sie hat ein sonniges Plätzchen, die Erde ist nährstoffreich und locker, sodass die Wurzeln tief in ihr greifen können. So entsteht eine stabile Pflanze, die gerade zur Sonne wächst und widerstandsfähig gegen die Gefahren des Lebens ist. Aufkommende Winde mögen zwar kräftig an ihr rütteln, sie knicken sie aber nicht ab oder zerstören sie gar. Unser Bild zeigt ein Kind in einem gesunden Elternhaus.
Bei einem Kind aus einem suchtkranken Elternhaus, steht das Kind immer im Schatten der Sucht. Das heißt, der Boden ist karg und es bekommt nicht genügend Sonne. Dicke Steine im Erdreich hindern die Wurzeln der Pflanze daran, in die Tiefe zu wachsen und Halt zu finden. Die Pflanze ist schwach und droht bei jedem kleinen Sturm ein- oder umzuknicken.
„EKSE" sind das Resultat eines lebenslangen Arrangements mit Unwägbarkeiten. Sie haben sich angepasst, ruhig verhalten, haben gelacht, wenn sie weinen wollten. Sie waren immer so, wie sie glaubten, sein zu müssen, aber nie so, wie sie sein wollten.


„EKSE" gehen oft selbst Partnerschaften mit suchtkranken Partnern ein, oder Partnern, die ein großes Aufmerksamkeitsbedürfnis haben. So bleibt kein Raum für ihre eigenen Bedürfnisse.
Lebenslang wird das „EKSE" von dem Gefühl begleitet, anders zu sein als andere Menschen und es ist stets bemüht, sich seiner Umgebung anzupassen, oder gegen sie zu rebellieren, um in dem vertrauten Gefühlszustand der Ablehnung zu bleiben.


Das Überlebenstraining, mit dem das „EKSE"  seine Kindheit überlebt hat, kann ihm im Erwachsenen-alter zum Verhängnis werden. Das ständige Anpassungsverhalten kann zur Ablehnung im Freundeskreis führen, getreu nach dem Motto „everybody's Darling, everybody's Depp" gerät es wieder in Gefahr nur anerkannt zu werden, weil es die anderen sehr und sich gar nicht ernst nimmt.


Als Kind in einem suchtkranken Elternhaus hat es gelernt, sich und seiner Umgebung, die Sucht der Eltern und die daraus resultierende Vernachlässigung schön zu reden. Das Kind lernt auszuhalten und verlernt „Nein" zu sagen. Das Kind lernt, dass es sich auf nichts und niemanden verlassen kann, außer sich selbst.  So neigt es dazu, übermotiviert Verantwortung für sich und Andere zu übernehmen. Das Kind gibt sich die Schuld an der Suchterkrankung der Eltern und versucht dies entweder mit übertriebenem Fleiß und Gehorsam oder mit Rebellion zu kompensieren.
Wenn wir dies auf einen erwachsenen Menschen übertragen, so haben wir einen angepassten, selbstlosen, von Selbstzweifeln zerfressenen Menschen, der entweder ewig Überstunden schiebt, um die liegengelassene Arbeit seiner Kollegen zu erledigen, oder einen rebellierenden, verantwortungslosen Menschen, der eventuell selbst ein Suchtproblem hat und nicht bereit ist, für sich und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen.

Beides ist keine Basis für ein glückliches, gesundes Leben.

Mit Beginn des elften Lebensjahres und dem Einsetzen der frühen Adoleszenz beginnt das Kind sich seiner selbst und der Welt um sich herum bewusst zu werden. Dieser Prozess ist für jedes Kind ein schwieriger.

Doch für das Kind aus einem suchtkranken Elternhaus setzt ab diesen Punkt das Bewusstsein ein, dass es und sein Leben anders sind, als das anderer Kinder. Eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Leben beginnt.

 

Kinder in einem suchtkranken Elternhaus werden doppelt betrogen. Zum einen von dem Elternteil der trinkt, zum anderen von dem „gesunden" Elternteil, der versucht die Suchtkrankheit des Partners zu kompensieren und somit mehr Kraft für den trinkenden Partner als für die eigenen Kinder aufbringt.

Das Gefühl des allein-gelassen-werdens verankert sich fest in dem Kind und begleitet es ein Leben lang.

Im Erwachsenenalter spiegelt es sich in

Burnout

Essstörungen

Borderline-Syndrom

Bindungsschwierigkeiten

Eigenem Suchtverhalten

Übertriebene Verantwortung (Slosigkeit)

Lügen

Misstrauen

Untreue

Kontrollzwang

uva.

 

Wir vom Club 29  haben diese Selbsthilfegruppe EKSE ins Leben gerufen. Welche von mir, Tochter einer alkoholkranken Mutter und einem Alkohol- und Medikamentenabhängigen Stiefvater und Steffi, Tochter eines alkoholkranken Vaters, geleitet wird. Momentan sind wir fünf Teilnehmer. Das Gefühl mit diesem riesigen Berg unverstandener und nicht gelebter Gefühle nicht alleine zu sein, andere zu treffen, die sich auch so „anders" in dieser Welt fühlen, ist uns eine große Hilfe. In gegenseitigen Erfahrungsberichten aus unserem Alltag und Rückblicken in die Vergangenheit, versuchen wir uns mit der nicht gelebten Kindheit zu versöhnen und unser Leben, so wie es ist, anzunehmen.

 

Vieles, was wir erlebt haben, klingt noch lange in uns nach. Doch wir lernen damit zu leben und es anzuschauen.

Es wird besser, jeden Tag.

 

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